2019, in der ersten Iteration dieses Newsletters, hieß dieser noch “on my mind”. Der Titel war nicht sonderlich kreativ, sondern sollte nur zum Ausdruck bringen, was inhaltlich zu erwarten ist. Ich möchte in dieser Ausgabe, der ersten nach der “Sommerpause”, mit euch teilen was aktuell on my mind ist. Und erklären, wie es zu eben jener gekommen ist.
Ende Juli erschien die letzte Ausgabe, hastig im Zug geschrieben, reduzierter Umfang, wenig Tiefe. Dann war ich 1,5 Wochen Flensburg und zum ersten Mal seitdem ich diesen Newsletter neu gestartet hatte, kam keine wöchentliche Ausgabe. Ich war bei Freunden und Familie zu Besuch, wollte möglichst viel Zeit mit ihnen verbringen. Gleichzeitig musste ich arbeiten, mit 2-3 Projekten in ihrer Hochphase. Und dann waren da noch die beiden Wettkämpfe, auf die ich mich vorbereiten wollte und die der Grund waren, warum ich überhaupt im Norden war. Ich entschied, dass ich die Zeit anders nutzen möchte als mit Newsletter-Schreiben.
Die Woche drauf war ich zurück in Hamburg. Die beiden Wettkämpfe hinter mir, bei den Projekten wichtige Meilensteine abgehakt. Die Anspannung fiel ab und wurde ersetzt durch Erschöpfung. Wir befanden uns zu dem Zeitpunkt in der vierten oder fünften Hitzewelle des Jahres. Der Rhein ausgetrocknet, Waldbrände in Südeuropa und weit über 10.000 Hitzetote. Und eine Politik, die bei den bereits eh niedrig gesteckten Zielen und Maßnahmen noch weiter zurückrudern möchte. Gleichzeitig Völkermord in Gaza und im Sudan, Kriegsverbrechen im Libanon, im Iran. So viel Weltschmerz, so viel Hilf- und Machtlosigkeit. Und ich schreib einen Newsletter darüber, dass Figma jetzt andere Textumbrüche kann? Das fühlte sich absurd und lächerlich an.
Währenddessen immer mal wieder die Frage “Wo bleibt denn eigentlich dein Newsletter”? Druck*, Rechtfertigungen, Erklärungsversuche. Dabei hatte ich keine. Das merkte ich, je mehr ich mich damit beschäftigte. Ja, das Weltgeschehen war erdrückend, aber das war es vorher auch schon. Warum also fiel es mir plötzlich so schwer, eine neue Ausgabe zu schreiben?
Die Antwort kam mir einige Wochen später. Ich hatte halbwegs akzeptiert, dass ich wohl sowas wie eine Sommerpause bei dem Newsletter mache und war in einen Bikepacking-Urlaub nach Italien gestartet. Wunderschöne Landschaften, tolles Essen, leckere Weine, viele Lemon Soda. Aber ich konnte das irgendwie alles nicht so richtig genießen. War gestresst und angespannt und hatte immer die Angst, das irgendwas schief gehen würde. Und als ich da so durch die Toskana strampelte, wurde mir bewusst, dass ich depressiv bin.
Agitierte Depression war vor ein paar Jahren die Diagnose meine Therapeutin. Dem Ding einen Namen zu geben, half damals sehr. Die anschließenden Jahre Therapie noch viel mehr. Eine agitierte Depression unterscheidet sich teilweise recht stark von dem typischen Bild, das man von Depressionen hat. Aufgedreht statt niedergeschlagen. Unruhig und unkonzentriert, phasenweise unfähig klare Gedanken zu führen, wenig und wenn dann schlechter Schlaf. Obwohl ich die Symptome alle kannte und erneut erfüllte, brauchte ich eine ganz schöne Weile, bis ich 1 und 1 zusammenzählte. Ich war erneut in einer Episode.
Ich würde mich an sich als einen offenen Menschen beschreiben, der auf Fragen ehrlich antwortet und so gesehen nichts verheimlicht. Gleichzeitig gibt es Themen, die ich eher nicht proaktiv teile. Dazu zählt meine Sexualität, aber auch meine mentale Gesundheit. Hier jetzt so darüber zu schreiben, ist ein großes Ding für mich. Dabei sollte es das nicht sein. Depressionen sind eine Krankheit wie jede andere auch. Nichts, wofür man sich schämen sollte. Und erschreckend stark verbreitet.
Ich schreibe jetzt also darüber, um euch eine Erklärung zu geben, warum es hier so still war. Aber auch, um sichtbar zu machen, was oft eher unsichtbar bleibt. Und, um zu sagen, dass es hier weitergeht. Ich weiß noch nicht genau wann und ich weiß auch nicht, ob wieder in diesem Format und der Frequenz. Aber ich freue mich schon ganz doll drauf und Themen haben sich in der Zwischenzeit eh genug angesammelt.
Bis dahin, Martin
* Bitte nicht falsch verstehen: ich habe mich über jede Nachfrage sehr doll gefreut, weil sie mir zeigt, dass ihr wirklich gerne lest was ich hier so schreibe. Das macht mich sehr glücklich. Und über euer Verständnis war ich ebenfalls sehr dankbar. Den Druck habe ich mich nur mir selbst gemacht.
P.S. Damit ihr nicht ganz leer ausgeht, hier noch ein paar Bilder von süßen Tieren aus meinem Urlaub:
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Sommerpause
2019, in der ersten Iteration dieses Newsletters, hieß dieser noch “on my mind”. Der Titel war nicht sonderlich kreativ, sondern sollte nur zum Ausdruck bringen, was inhaltlich zu erwarten ist. Ich möchte in dieser Ausgabe, der ersten nach der “Sommerpause”, mit euch teilen was aktuell on my mind ist. Und erklären, wie es zu eben jener gekommen ist.
Ende Juli erschien die letzte Ausgabe, hastig im Zug geschrieben, reduzierter Umfang, wenig Tiefe. Dann war ich 1,5 Wochen Flensburg und zum ersten Mal seitdem ich diesen Newsletter neu gestartet hatte, kam keine wöchentliche Ausgabe. Ich war bei Freunden und Familie zu Besuch, wollte möglichst viel Zeit mit ihnen verbringen. Gleichzeitig musste ich arbeiten, mit 2-3 Projekten in ihrer Hochphase. Und dann waren da noch die beiden Wettkämpfe, auf die ich mich vorbereiten wollte und die der Grund waren, warum ich überhaupt im Norden war. Ich entschied, dass ich die Zeit anders nutzen möchte als mit Newsletter-Schreiben.
Die Woche drauf war ich zurück in Hamburg. Die beiden Wettkämpfe hinter mir, bei den Projekten wichtige Meilensteine abgehakt. Die Anspannung fiel ab und wurde ersetzt durch Erschöpfung. Wir befanden uns zu dem Zeitpunkt in der vierten oder fünften Hitzewelle des Jahres. Der Rhein ausgetrocknet, Waldbrände in Südeuropa und weit über 10.000 Hitzetote. Und eine Politik, die bei den bereits eh niedrig gesteckten Zielen und Maßnahmen noch weiter zurückrudern möchte. Gleichzeitig Völkermord in Gaza und im Sudan, Kriegsverbrechen im Libanon, im Iran. So viel Weltschmerz, so viel Hilf- und Machtlosigkeit. Und ich schreib einen Newsletter darüber, dass Figma jetzt andere Textumbrüche kann? Das fühlte sich absurd und lächerlich an.
Währenddessen immer mal wieder die Frage “Wo bleibt denn eigentlich dein Newsletter”? Druck*, Rechtfertigungen, Erklärungsversuche. Dabei hatte ich keine. Das merkte ich, je mehr ich mich damit beschäftigte. Ja, das Weltgeschehen war erdrückend, aber das war es vorher auch schon. Warum also fiel es mir plötzlich so schwer, eine neue Ausgabe zu schreiben?
Die Antwort kam mir einige Wochen später. Ich hatte halbwegs akzeptiert, dass ich wohl sowas wie eine Sommerpause bei dem Newsletter mache und war in einen Bikepacking-Urlaub nach Italien gestartet. Wunderschöne Landschaften, tolles Essen, leckere Weine, viele Lemon Soda. Aber ich konnte das irgendwie alles nicht so richtig genießen. War gestresst und angespannt und hatte immer die Angst, das irgendwas schief gehen würde. Und als ich da so durch die Toskana strampelte, wurde mir bewusst, dass ich depressiv bin.
Agitierte Depression war vor ein paar Jahren die Diagnose meine Therapeutin. Dem Ding einen Namen zu geben, half damals sehr. Die anschließenden Jahre Therapie noch viel mehr. Eine agitierte Depression unterscheidet sich teilweise recht stark von dem typischen Bild, das man von Depressionen hat. Aufgedreht statt niedergeschlagen. Unruhig und unkonzentriert, phasenweise unfähig klare Gedanken zu führen, wenig und wenn dann schlechter Schlaf. Obwohl ich die Symptome alle kannte und erneut erfüllte, brauchte ich eine ganz schöne Weile, bis ich 1 und 1 zusammenzählte. Ich war erneut in einer Episode.
Ich würde mich an sich als einen offenen Menschen beschreiben, der auf Fragen ehrlich antwortet und so gesehen nichts verheimlicht. Gleichzeitig gibt es Themen, die ich eher nicht proaktiv teile. Dazu zählt meine Sexualität, aber auch meine mentale Gesundheit. Hier jetzt so darüber zu schreiben, ist ein großes Ding für mich. Dabei sollte es das nicht sein. Depressionen sind eine Krankheit wie jede andere auch. Nichts, wofür man sich schämen sollte. Und erschreckend stark verbreitet.
Ich schreibe jetzt also darüber, um euch eine Erklärung zu geben, warum es hier so still war. Aber auch, um sichtbar zu machen, was oft eher unsichtbar bleibt. Und, um zu sagen, dass es hier weitergeht. Ich weiß noch nicht genau wann und ich weiß auch nicht, ob wieder in diesem Format und der Frequenz. Aber ich freue mich schon ganz doll drauf und Themen haben sich in der Zwischenzeit eh genug angesammelt.
Bis dahin, Martin
* Bitte nicht falsch verstehen: ich habe mich über jede Nachfrage sehr doll gefreut, weil sie mir zeigt, dass ihr wirklich gerne lest was ich hier so schreibe. Das macht mich sehr glücklich. Und über euer Verständnis war ich ebenfalls sehr dankbar. Den Druck habe ich mich nur mir selbst gemacht.
P.S. Damit ihr nicht ganz leer ausgeht, hier noch ein paar Bilder von süßen Tieren aus meinem Urlaub:
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